Nach Gedichten von Paul Celan, Hilde Domin, Sergei Jessenin, Friedrich Hölderlin, Ossip Mandelstam und Johann Wolfgang von Goethe.

Gattung
Orchesterstück
Besetzung
Mezzosopran und Orchester (2 Fl., 2 Ob., 3 Klar., 3 Fag., 4 Hrn., 2 Trp., 3 Pos., Tba., Pke., 2 Schlagz., Hrf., Streicher)
Entstehungsjahr
1456272000
Dauer
35 Minuten

Gesänge zur Erde

I. Vorspiel
II. Hosianna (Paul Celan)
III. Psalm (Paul Celan)
IV. Bitte (Hilde Domin)
V. Wir entfernen uns (Sergej Jessenin – Paul Celan)
VI. Der Morgens (Friederich Hölderlin)
VII. Die Muschel (Ossip Mandelstam – Paul Celan)
VIII. Selbdritt, Selbviert (Paul Celan)
IX. Die Perle (Johann Wolfgang Goethe)
X. Das Schönste (Johann Wolfgang Goethe)
XI. Nachspiel

„Die Auswahl der Texte folgt der Idee einer Entwicklung des lyrischen Ichs von der Traumatisierung über allmähliche Genesung bis zum Humor und zur Liebe:

I. Vorspiel
II. Die verstörte Seele in Gottferne
III. Lobgesang an den Niemandgott
IV. Gebet um Selbstfindung
V. Abschied und Liebe
VI. Bitte um neue Heiterkeit
VII. Einbindung in die Ordnung der Natur
VIII. Humorvolle Erhebung
IX. Heiteres Begeistern
X. Humoreske Freiheit
XI. Nachspiel“


Konzertmitschnitt vom 14.12.2015 in der Weimarhalle

Solistin: Nadine Weißmann (Mezzosopran)
Staatskapelle Weimar, Dirigent: George Alexander Albrecht

Text
Paul Celan: Hosianna

Chöre, damals die Psalmen,
Ho….hosianna.
Also stehen noch Tempel?
Ein Stern hat wohl noch Licht?
Nichts ist verloren.
Hosianna
Ho….

Paul Celan: Psalm

Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm,
niemand bespricht unsern Staub. Niemand.
Gelobt seist du, Niemand,
dir zulieb wollen wir blühen.
Dir entgegen.
Ein Nichts waren wir, sind wir, werden wir bleiben, blühend:
die Nichts-, die Niemandrose.
Mit dem Griffel silberhell, dem Staubfaden himmelwärts, der Krone rot,
vom Purpurwort, das wir sangen über – O über den Dorn.

Hilde Domin: Bitte

Wir werden eingetaucht und mit dem Wasser Sinntflut gewaschen.
Wir werden durchnässt bis auf die Herzhaut.
Der Wunsch nach der Landschaft diesseits der Tränengrenze taugt nicht,
der Wunsch, den Blütenfrühling auszuhalten,
der Wunsch verschont zu bleiben, taugt nicht.
Es taugt die Bitte, dass bei Sonnenaufgang die Taube den Zweig des Ölbaums bringe,
dass die Frucht so bunt wie die Blume sei,
dass noch die Blätter der Rose am Boden eine leuchtende Krone bilden,
und dass wir aus der Flut, dass wir aus der Löwengrube
und dem Feuerofen immer versehrter und immer heiler
stets von neuem zu uns selbst entlassen werden.

Sergej Jessenin – Paul Celan: Wir entfernen uns

Wir entfernen uns, wir gehen, verlieren uns dort hin, wo Gnade ist, wo´s schweigt.
Nicht mehr lang, so muss auch ich dich schnüren, dich, mein Bündel, dich, Vergänglichkeit.
Birken ihr, ihr steht, steht beieinander;
Erde du, und Sand du, Sand weithin.
All die Scharen! Alle, die da wandern!
Harm und Gram und Kummer, der ich bin!
Diese Welt, sie war der Seele teuer. Hülle gab sie ihr, Gesicht und Kleid.
Friede Euch, ihr Espen! Euch und Eurem Flut und Wasser schauenden Gezweig!
Manchem dacht´ ich nach, da nichts sich regte, manches hab ich mir zum Leid gefügt.
Erde, dass ich war und lebte, dass ich atmen durfte, – es genügt.
Froh bin ich der Münder, ja der vielen; froh der Gräser, wo ich wühlt´ und wühlt,
froh, dass ich ein Bruder von den Tieren, froh, dass keins je meinen Fuß gefühlt.
Kein Gehölz, dass mir ergrünt im andern, auch kein Korn dort und kein Schwanenhals.
Scharen ihr, ich sehe euch wandern, wandern,
und ein Schauder kommt mir abermals.
Flurengold, ich werde dich nicht sehen, du dunst- und duftumwebt.
Darum, Menschen, Menschen dieser Erde, lieb ich euch, die ihr hier mit mir lebt.

Friederich Hölderlin: Des Morgens

Vom Taue glänzt der Rasen; beweglicher
eilt schon die wache Quelle; die Buche neigt
ihr schwankes Haupt und im Geblätter
Rauscht es und schimmert; und um die grauen
Gewölke streichen rötliche Flammen dort,
verkündende, sie wallen geräuschlos auf;
wie Fluten am Gestade, wogen
Höher und höher, die Wanderlbaren.
Komm nun, oh komm, und eile mir nicht zu schnell,
du golderner Tag, zum Gipfel des Himmels fort!
Denn offener fliegt, vertrauter dir mein
Auge, du Freudiger! zu, so lang du
in deiner Schöne jugendlich blickst und noch
zu herrlich nicht, zu stolz mir geworden bist;
du möchtest immer eilen, könnt ich,
göttlicher Wandrer mit dir! – doch lächelst
des frohen Übermütigen du, dass er
dir gleichen möchte; segne mir lieber dann
mein sterblich Tun und heitre wieder,
gütiger, heute den stillen Pfad mir.

Ossip Mandelstam – Paul Celan: Die Muschel

Ich weiß es, Nacht, ich geh dich wohl nichts an.
Aus ihr, der Weltennacht, geschleudert, eine Muschel, hohl
lieg ich am Rande deiner Bucht.
Du Unbeteiligte, die rollst dein Meer,
du hörst nicht, singst, singst fort;
doch sie, die leer und unnütz ist, du sollst sie lieben, deine Muschel dort.
Im Sand, da lieg ich; dein Gewand schlägst du um sie, die zu dir schlüpft,
die große Glocke Dünung, an Euch beide hast du sie geknüpft;
die Wände brüchig, dieses Haus in unbewohnt, wie´s Herzen sind.
Du füllst´s mit Schaumgeflüster auf, mit Regen, Nebelschwaden, Wind.

Paul Celan: Selbdritt, selbviert

Krauseminze, Minze, krause,
vor dem Haus hier, vor dem Hause.

Diese Stunde, deine Stunde,
ihr Gespräch mit meinem Munde.

Mit dem Mund, mit seinem Schweigen,
mit den Worten, die sich weigern.

Mit dem Weiten, mit dem Engen,
mit den nahen Untergängen.

Mit mir einem, mit uns dreien,
halb gebunden, halb im Freien.

Krauseminze, Minze, krause,
vor dem Haus hier, vor dem Hause

Johann Wolfgang von Goethe: Die Perle

Vom Himmel sank in wilder Meere Schauer
ein Tropfe bangend, grässlich schlug die Flut;
doch lohnte Gott bescheidnen Glaubensmut
und gab dem Tropfen Kraft und Dauer.
Ihn schloss die Stille Muschel ein
Und nun, zu ewgem Ruhm und Lohne,
die Perle glänzt an unseres Kaisers Krone
mit holdem Blich und mildem Schein.

Johann Wolfgang von Goethe: aus dem West-östlichen Divan

Das Wort ist ein Fächer!
Zwischen den Stäben
blicken ein Paar schöne Augen hervor.
Der Fächer ist nur ein lieblicher Flor;
er verdeckt mir zwar das Gesicht,
aber das Mädchen verbirgt er nicht,
weil das Schönste, was sie besitzt,
das Auge mir ins Auge blitzt.